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Tapetenwechsel

Heute wollen wir, das sind Tobias und ich, das Kinderdorf des FWHC besuchen. Man muss aber aufpassen wie ein Fuchs, wenn  man sich in Kathmandu City die Unterlagen für die Reise besorgt. Bestellt man nämlich Pokhara, erhält man die gewünschten Flugtickets in die zweitgrößte Stadt Nepals, welche im Annapurna Gebirge liegt. Bestellt man allerdings Pakora, kriegt man etwa ein Dutzend kleiner frittierter Gemüsepuffer in Zeitungspapier gewickelt und steht doof da, während 200 Kilometer weiter 79 traurige Kinder auf die Ankunft der käseweißen Riesen warten. Obwohl unser mitteleuropäischer Teint so langsam in eine latino-istische Bräune umschlägt.

Aber wie auch immer – wir haben mal sicherheitshalber beides bestellt und sind nun mit ner Tüte Pakora auf dem Weg nach Pokhara.

Das Inlandsflug-Terminal des Flughafen Kathmandus erinnert ein wenig an das Basartreiben in Thamel. Natürlich in keinster Weise mit europäischen Standards vergleichbar, aber sehr lustig.

flughafen kathmandu

Eine weibliche Stimme gibt aufgrund der fehlenden Anzeigetafeln kontinuierlich Informationen über die Lautsprecher durch. Da man aber diese Durchsagen sogar über ein selbstgebautes Dosentelefon besser verstehen würde, kommt man nicht umhin, alle zwei Minuten noch mal nachzufragen, welchen der zwei Ausgänge, man wann nehmen soll, um dann in was für einen Bus zu steigen. Mit für Nepal schlanken 45 Minuten Verspätung, geht’s dann um 8 Uhr in der von Lufthansa ausgemusterten, und von Buddha Air neu folierten Maschine los.

eingang flugzeugDurch unsere Limbotanz-Trainingsstunden durch Kathmandus Kabeldschungel, schaffen wir es sogar durch die Flugzeugtür, die wohl beim Erwerb des Flugzeugs, zusammen mit der Flugsicherheit runtergesetzt wurde.

Leider wird es kein Panoramaflug, da die Sicht meistens nur bis zum Propeller reicht. Aber die sichere Landung 35 Minuten später, ist Grund genug zur Freude.

flughafen pokharaDas wohl witzigste am Flughafen in Pokhara ist, dass man direkt am Ausgang landet. Als würde der Taxifahrer einen bis ins Wohnzimmer kutschieren. Und das Gepäck gibt’s quasi auch direkt aus dem Kofferraum des Flugzeugs.

Wir werden bei etwa 5 Grad wärmerem Klima von Tanka (Leiter des Kinderdorfs) und Kamal (Direktor der Kinderdorf Grundschule) auf dem begrünten Parkplatz empfangen. Pokhara liegt ein paar hundert Meter tiefer als Kathmandu, daher fühlt sich die Hitze etwas tropischer an. Aber bereits nach einigen Minuten merkt man, dass diese beiden Städte noch in einigen anderen Belangen sehr unterschiedlich sind. Wenn Kathmandu laut ist, ist Pokhara leise. Wenn Kathmandu grau ist, ist Pokhara grün. Wenn Kathmandu überfüllt ist, hat man in Pokhara Platz.

fewa seeVoll bepackt wie eine Ein-Mann-Band geht’s auf Motorrädern Richtung Kinderdorf. Bereits nach einigen Minuten, erreichen wir den See - Die Lunge, durch die Pokhara atmet.  Der Mittel- und Ausgangspunkt von Allem. Und er ist sauber.

Pokhara hat sich in den letzten 20 Jahren zur zweitgrößten Stadt Nepals gemausert, und es ist daher besonders hervorzuheben, dass es die Nepali hier größtenteils geschafft haben, die Stadt und die Natur, welche sie wie Adern durchzieht, sauber zu halten.

Ein schöner Ort, wenn auch sehr touristisch im Zentrum. Und ebenfalls ein Auffangbecken für...naja sagen wir mal Langzeitreisende. Aber wir befinden uns ja im Jahr 2069 in Nepal und so sind sie eben, die 69er.

zeugnisvergabeNach einer sehr schönen Fahrt um den halben Fewa See, erreichen wir das gusseiserne Tor des Kinderdorfes. Bergauf führt uns der Weg, dahinter an den Wohnhäusern der Kinder, der Bücherei und den verschiedensten Gemüsebeeten vorbei, bis zum Baum, der das Dorf am oberen Ende begrenzt. Daneben befindet sich die neu errichtete Schule für Kindergarten- und Vorschulkinder. Hier wird heute noch etwas Besonderes stattfinden. Es gibt Zeugnisse. Also finden wir uns eine Stunde später wieder dort ein. Und so schrecklich die Erinnerungen an die eigenen Zeugnisvergaben sind, so zuckersüß ist diese. Kleine, schüchterne, aber sehr gut erzogene Kinder, die sich in Reih und Glied nacheinander ihre Bewertungen abholen, um danach noch einen Segen in Form von roter Farbe namens Tikka, auf die Stirn gemalt zu bekommen.

Würde es die Kinder nicht verwirren und die Lehrer nicht missverstehen, würden ’Teope’ und ich spätestens beim gemeinschaftlichen Singen des Boogy-Woogy-Shake am Boden liegen, so positiv zerreißend ist diese Zeremonie. Teope ist Tobi, wird aber seit seiner Ankunft in Nepal nur noch Teope (gesprochen To-Pi) gerufen. Ein vertrauter Klang für die Nepali, da es das Wort für Hut ist. Und vertraute Klänge, lassen sich nun mal einfacher merken. Daher heißt Jens auch Jeans.

bikal und bruderSpäter am Nachmittag haben wir noch ein langes Gespräch mit Tanka und Kamal, sowie einen Rundgang durch das Dorf mit Bikal. Einem 15-jährigen Jungen aus Mustang, der seit zwei Jahren im Dorf lebt. Beides ist sehr aufschlussreich und bringt uns das Dorfleben ungemein näher.

Es gibt 4 Häuser, A bis D, in welchen jeweils 20 Kinder untergebracht sind. Kleine und große Jungen und Mädchen gemischt. Gleichaltrige Gruppen verfehlen den wichtigsten Aspekt, sagt uns Bikal. Den familiären, in dem die Jüngeren von den Älteren lernen können und die Großen eine Art Erziehungsauftrag und Verantwortung erhalten. Das schweißt die Gruppe mehr zusammen, sagt er. Und die in Nepal eher übliche Geschlechtertrennung wird fortschrittlich ausgeblendet.

Aber nicht nur in den Gruppen, sondern im ganzen Dorf merkt man einen starken Zusammenhalt. Es ist tatsächlich als eine sehr große Familie zu bezeichnen. Die einzelnen Gruppenoberhäupter bilden im Dorf die Hausmütter, die gleichzeitig Köchin, Haushälterin und Ersatzmama für die Kinder sind. Bei 20 quirligen und hungrigen Menschlein ein Knochenjob. Aber jede der vier Befragten beschreibt ihr Leben als überaus glücklich. Das System funktioniert also mehr als gut, und die zusätzlichen Einrichtungen, wie Fischteich, Gewächshaus, Orchideenzucht bis hin zum Ananasfeld beeindrucken zusätzlich.

kinderaction 1Der erste Tag endet dann auch anders, als er begann. Nachdem wir im Laufe des Tages nur ab und zu ein verhaltenes ’Namaste’ vernehmen konnten, drehen die kleinen Bewohner plötzlich von Null auf Hundert in 3,2 Sekunden. Trauben von Zwergen nageln uns am Boden fest, wie es seinerzeit die Liliputaner mit Gulliver taten. Ehe wir uns versehen, sind unsere Smartphones unterwegs in die Dunkelheit und wir sehen nur, wie sich die Fotoblitze immer weiter von uns entfernen. Nach kurzer Festmarterung werden wir zu Marionetten umfunktioniert und die stehen die nächsten zwei Stunden im Dienste unserer kleinen Meister. kinderaction 2Wir lassen sie fliegen, wir kitzeln sie, lassen uns zurückkitzeln und sind mehr als erstaunt, was für artifizielle Fotos wir später auf unseren Telefonen wiederfinden.

Abgerundet wird unser erster Tag, der schon jetzt mit einer Menge Herz vollgepackt ist, mit dem gemeinsamen Dal Bhat Essen. Ich glaube es hat in diesem Moment eine ähnliche Wirkung auf uns, wie auf manche Menschen, wenn sie Babys mit Hundewelpen kuscheln sehen, als wir den kleinen beim Essen zusehen.

abendessen

Mit flinken Schaufel-bewegungen werden Portionen weggeatmet, die doppelt so groß, wie die unseren sind. Und das Teller-sauber-schlürfen rundet das Happening ab.

Zufrieden mit unserem Tagesinhalt und diesem Abschluss, schlendern, wir ins Gästehaus. Und nach dem Beseitigen von zwei verhältnismäßig riesigen Spinnen, sagen wir den Geckos gute Nacht und schlafen zufrieden ein.

 

fotokunst der kinder  kinderdorf

Morgen erwarten uns paranormale Aktivitäten und der erste gute Kaffee seit Deutschland.